Die Haare schön…

Stuttgarter Zeitung

Die Haare schön – und den Ärger am Hals

Der Zentralverband der Friseure kritisiert das Verhalten der Profifußballer während des Lockdowns.

Bei Roberto Laraia klingelt das Telefon derzeit in regelmäßigen Abständen. Zwar haben die Salons des Friseurmeisters in Reutlingen und Tübingen aufgrund des Corona-Lockdowns seit Wochen geschlossen, Terminanfragen erhält er dennoch. „Meistens erkundigen sich die Leute, ob ein Hausbesuch möglich ist“, sagt Laraia. Sogar beim Spazierengehen werde er angesprochen, wenn ihn jemand erkenne. Jedes Mal lehnt er höflich ab: Seit dem 16. Dezember sind jegliche Dienstleistungen von Friseuren streng untersagt. Bei Verstößen drohen sogar üppige Geldstrafen.

Eine Mitverantwortung für die Flut an Anfragen sieht Laraia beim Profifußball. Woche für Woche laufen derzeit viele Kicker der Ersten und Zweiten Bundesliga mit akkuraten Frisuren und millimetergenauen Haarschnitten auf. Das wirke auf die Fans: „Vor allem für junge Menschen sind die Profis Vorbilder, sie wollen genauso aussehen.“

Durch die vielen Nachfragen entsteht laut Laraia innerhalb der Branche ein immenser Druck: „Viele sagen uns, dass sie es dann halt bei einem anderen Friseur versuchen.“ Und nicht jeder könne den Anfragen widerstehen. „Wir sind alle in Kurzarbeit, bei einigen ist die finanzielle Situation schwierig. Da ist es einfach sehr verlockend, sich ein paar Euro extra zu verdienen.“ Ein Blick auf die Straße lege die Vermutung nahe, dass derzeit viele Friseure illegale Hausbesuche durchführen würden.

Inzwischen hat der Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks seinen Unmut zu Papier gebracht und das Styling-Verhalten der Fußballer in einem offenen Brief an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) kritisiert. Auch der Profifußball müsse seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden und in Zeiten geschlossener Friseursalons Solidarität zeigen. Initiator des Schreibens war der baden-württembergische Friseurverband, dessen Mitglieder das Bundesliga-Spiel zwischen der TSG Hoffenheim und dem SC Freiburg am 2. Januar durchaus mit hochgezogenen Augenbrauen verfolgten. „Das war die reinste Modenschau“, sagt Roberto Laraia, der als Artdirector des Verbands fungiert. In der Whatsapp-Gruppe entwickelte sich während des Spiels eine intensive Diskussion – am Ende stand der Entschluss, den Brief zu schreiben.

Bei einem Spieler des Baden-Derbys musste der Friseurverband aber zurückrudern: Freiburgs Mittelfeldspieler Vincenzo Grifo (27) ist fein raus, seine Frau arbeitet nämlich als Friseurin und darf deshalb die Haare ihres Gatten innerhalb des eigenen Haushalts ebenso fachkundig wie legal verschönern. „Aber sie darf natürlich nicht die komplette Mannschaft frisieren“, sagt Laraia.

Dass die Haare der anderen Kicker auch alle von professioneller Hand geschnitten wurden, kann Laraia zwar nicht belegen – das müsse er auch nicht, der blanke Anblick sei Beweis genug. „Das sieht man sofort, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Die Übergänge sind so was von perfekt, dafür braucht es sogar einen außerordentlich guten Friseur.“

Demnächst dürfte auch Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp Post vom badenwürttembergischen Friseurverband bekommen. Dessen Vorsitzender Herbert Gassert ist nämlich TSG-Mitglied und will der Thematik weiter nachgehen. Ihm sei zu Ohren gekommen, dass einige Vereine in den vergangenen Wochen eigens Friseure einbestellt hätten. „Das ginge natürlich nicht“, sagt Gassert. Der Fußball habe eine besondere Vorbildfunktion und müsse die aktuelle Spielerlaubnis wertschätzen. Roberto Laraia wird noch deutlicher: „Es ist eine Sauerei, dass die Fußballprofis aus der Reihe tanzen.“

Allerdings hat die Problematik laut Gassert noch sehr viel grundsätzlichere Züge. Der Profifußball sei zwar ein besonders prominentes Beispiel – aber längst nicht das einzige. „Wenn ich mir den einen oder anderen Politiker oder Fernsehmoderator anschaue, ist da in den letzten Wochen definitiv etwas gemacht worden“, spekuliert Gassert. Erlaubt sei das nicht: „Selbst die Maskenbildnerin darf da nicht ran. Untersagt ist nicht nur der Friseurbesuch, sondern die Dienstleistung des Haareschneidens an sich.“

Dass das alles schwer bis unmöglich zu kontrollieren ist, weiß Gassert: „Aber wenn mir ein Hausbesuch bekannt wird, würde ich dem sofort nachgehen. Da geht es auch um Solidarität.

FRISEURE UND CORONA

Verordnung Handwerksbetriebe aus dem Bereich der Körperpflege sind seit dem 16. Dezember geschlossen. Dazu zählen Friseursalons, Barbershops, Kosmetikstudios und ähnliche Betriebe. Die Maßnahmen sind derzeit noch bis zum 31. Januar 2021 befristet. Die Verbote gelten unabhängig davon, ob die Dienstleistungen in einem Ladenlokal oder mobil angeboten werden.

Handwerk Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks (ZV) vertritt die Gesamtinteressen des deutschen Friseurhandwerks. In ihm sind 13 Landesinnungsverbände zusammengeschlossen, deren Mitgliederbasis sind rund 260 Friseur-Innungen. Zusammen bilden sie die berufsständische Organisation des Friseurhandwerks. StZ

Artikel aus STUTTGARTER ZEITUNG
Nr. 10 | Donnerstag, 14. Januar 2021

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Text: David Scheu